Wann du dein Studium abbrechen solltest

Bist du dir nicht sicher, ob dein Studium das richtige für dich ist? Du fragst dich, ob du dein Studium abbrechen solltest – weißt aber nicht, ob das eine gute Entscheidung wäre? Ich habe im ersten Semester mein Studium gewechselt. Heute erzähle ich dir meine Geschichte und was du daraus für deine eigene Entscheidung lernen kannst.

 

Die leisen Zweifel

2011 begann ich an der Uni Freiburg ein Studium auf Lehramt mit den Fächern Latein und Physik. Latein studierten quasi alle auf Lehramt – denn die beruflichen Perspektiven sind bei Latein anderweitig ziemlich mau. Von den meisten anderen Lehrämtlern hörte ich in den Einführungsveranstaltungen des Studiums so etwas wie: “Ich mag halt Geschichte, und was will man sonst mit Geschichte arbeiten außer Lehrer? Und Latein studiere ich, damit ich einen Job kriege – Latein wird immer gebraucht.” Solche Aussagen fand ich schlimm – wer LehrerIn werden wollte, sollte es meiner Meinung nach aus einem ehrlichen Interesse an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen machen.

Dabei fiel mir auf… dass ich selbst gar nicht unbedingt mit Jugendlichen arbeiten wollte. Das waren die ersten leisen Zweifel, die mich ein paar Wochen lang begleiteten.

 

Die nicht-so-leisen Zweifel

Physik studierten, im Gegensatz zu Latein, fast alle im Bachelor; es gab nur einen Studenten, der es mit mir auf Lehramt begonnen hatte. Am Donnerstag der ersten Semesterwoche, nach gerade vier Tagen Studium, erzählte er mir, dass er abbrechen wollte. Es sei doch nicht das Richtige für ihn.

Da wurde mir bewusst: Ich fühle mich hier auch nicht richtig. Auch ich will abbrechen. Plötzlich hatte ich ein ganz eindeutiges Bauchgefühl, dass ich wechseln musste. Ich ging noch am selben Tag in die Studienberatung und fragte, wie das mit dem Abbruch bzw. Wechsel funktionieren konnte. Die Dame riet mir, mich erstmal in das Bachelorfach Klassische Philologie umtragen zu lassen, da das nicht zulassungsbeschränkt sei und mir das Zeit geben würde, mich neu zu orientieren. Also habe ich das gemacht. Nach fünf Tagen Semester hatte ich schon ein neues Studienfach, das ich allerdings auch nicht wirklich studieren wollte.

 

Die Übergangsphase: Unsicherheit und Unwohlsein

Als meine Eltern vom Wechsel hörten, waren sie gar nicht begeistert. Dass ich keinen Plan hatte, was ich stattdessen studieren wollte, fanden sie sehr beunruhigend. Ich blieb noch in Freiburg und besuchte teilweise weiterhin meine Latein-Veranstaltungen. Währenddessen setzte ich mich einfach immer wieder in andere Veranstaltungen rein – in der Biologie, Psychologie, Soziologie… Ganz begeistert war ich von keinem Fach. Psychologie interessierte mich trotzdem am meisten, aber mein Abidurchschnitt von 1,5 war nicht gut genug, um reinzukommen – der NC lag schon bei 1,0. Also ging ich in die Studienberatung der Psychologie, um mich umzuhören, ob es andere Möglichkeiten gäbe, da reinzukommen.

Natürlich gab es die nicht – aber die Studienberaterin, die unheimlich verständnisvoll war, blätterte durch einen Ordner mit allen Studienfächern der Uni und fragte mich: “Wenn Sie aus dem Lehramt kommen und sich für Psychologie interessieren, wie wäre es dann mit Bildungswissenschaft?” Die Idee fand ich ganz interessant. Ich ließ sie auf mich wirken – zu der Zeit war schon vorlesungsfreie Zeit vor dem Sommersemester – informierte mich online über den Studiengang, und nach ein paar Wochen wusste ich: Bildungswissenschaft möchte ich mal ausprobieren. Nach einigen Monaten der Unsicherheit, Scham und Orientierungslosigkeit hatte ich endlich wieder eine Idee, ein Ziel, auf das ich hinarbeiten wollte.

 

Der Neustart: Auch ungewöhnliche Wege führen zum Ziel

Im Sommersemester kontaktierte ich drei Dozierende in der Bildungswissenschaft und fragte, ob ich an deren Veranstaltungen teilnehmen dürfte, obwohl ich nicht in das Studienfach eingetragen war. Alle waren damit einverstanden, also studierte ich im Sommersemester einfach das zweite Semester Bildungswissenschaft mit. Ich fand die Veranstaltungen ziemlich interessant und wusste schnell, dass das Studium für mich richtig wäre. Im Sommer bewarb ich mich, bekam auch den Platz und konnte mir später sogar zwei der “inoffiziell” besuchten Veranstaltungen anrechnen lassen. Es lohnt sich immer, mit Dozierenden zu reden und sie um Unterstützung zu bitten. Im schlimmsten Fall sagen sie nein.

Ende gut, alles gut: Ich habe den Bachelor und Master in Bildungswissenschaft erfolgreich abgeschlossen und war bis zum Schluss ziemlich zufrieden mit dem Studium, obowhl jedes Studium natürlich so seine Nachteile hat. Der freundlichen Studienberaterin aus der Psychologie, die mir die Idee gegeben hat, schenkte ich ein paar Jahre später noch eine Orchidee als Dankeschön.

 

Wann solltest du also dein Studium abbrechen? Eine Checkliste

Aus eigener Erfahrung würde ich dir raten, Zweifel an deinem Studienfach ernst zu nehmen. Eine schnelle Entscheidung solltest du dennoch nicht treffen. Ich würde dir empfehlen, das Studium abzubrechen, wenn du…

  1. … ein eindeutiges Bauchgefühl dazu hast, dass du wechseln/abbrechen willst.
  2. … dir schon seit ein paar Wochen Gedanken dazu gemacht hast.
  3. … in die Entscheidung nicht nur das Studium miteinbezogen hast, sondern auch die möglichen Berufsbilder, die auf das Studium folgen würden.
  4. … mit mindestens einer Person (FreundIn, Familienmitglied, KommilitonIn, StudienberaterIn) darüber gesprochen hast. Mache es nicht still und heimlich.
  5. … dich über Alternativen zumindest informiert hast, auch wenn du keinen Alternativplan hast.

Am besten wäre es, du redest mit möglichst vielen anderen darüber, informierst dich gründlich und recherchierst einige Alternativen. Die obige Checkliste stellt also eher das Minimum dar.

 

Du bist nicht allein – und du schaffst das

Falls du dein Studienfach wechseln oder das Studium abbrechen willst, bist du auf jeden Fall nicht allein. Etwa 20-30% aller Studierenden wechseln oder brechen ab. Wir schämen uns meistens dafür, dass wir unseren Lebensplan ändern müssen – darum ist es wichtig, darüber offen zu sprechen und das Thema zu enttabuisieren. Ein kluger Abbruch oder Wechsel kann genau das Richtige für dich sein. Nimm dir vorher aber die Zeit, um gut zu reflektieren, dich zu informieren und eine bewusste Entscheidung zu treffen. Egal, ob du abbrichst oder nicht: Solange du auf dein Bauchgefühl hörst, wirst du es schaffen, durch diese herausfordernde Phase zu kommen.

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1 thought on “Wann du dein Studium abbrechen solltest

  1. 5 Dinge, die du über mich wissen solltest - Finde dein Glück im Studium
    10. April 2020 at 11:05

    […] Dinge, die du über mich wissen solltest! Ich finde es wichtig, dass wir uns ehrlich über unsere Geschichten austauschen können. Denn Lernen und Motivation sind immer eingebettet darin, wer wir (aktuell) […]

    Reply

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