Ist Perfektionismus dein Freund oder Feind?

Du glaubst, dass Perfektionismus dich stark macht? Denkst, dass du ohne deinen Perfektionismus schlechte Leistungen liefern würdest? Die Forschung zeigt, dass du trotzdem lieber vorsichtig sein solltest bei einem perfektionistischen Mindset. Warum genau und worauf du achten solltest, kannst du hier erfahren.

 

Perfektionismus: Ist das nicht eine Stärke?

Draußen scheint die Sonne, ich sitze mit zwanzig anderen Studierenden in einem Seminarraum. Wir überlegen uns, welche Schwächen wir in einem Bewerbungsgespräch nennen könnten. Denn wir befinden uns in einem Uni-Kurs zu Bewerbungskompetenz.

“Ich esse viel zu gerne Süßes”, schlägt eine Teilnehmerin mit einem Grinsen vor.

“Nein, das müssen schon echte Schwächen sein, die relevant für das Arbeitsleben sind”, erwidert die Dozentin. Sie stellt als Personalerin jährlich Dutzende Menschen für ein bekanntes Unternehmen ein – sie kennt sich also wirklich gut aus.

“Ich bin perfektionistisch, wie wäre es damit?” fragt meine Nebensitzerin.

“Nein – geht gar nicht!” erwidert die Dozentin streng. “Wenn Sie perfektionistisch sind, bleiben Sie viel zu lange an unwichtigen Details hängen und verschwenden Arbeitszeit. Oder Sie fangen gar nicht erst an, weil Sie sich nicht trauen. Das will kein Arbeitgeber hören.

In dem Moment war ich etwas schockiert. Das war das erste Mal, dass mir bewusst wurde, dass Perfektionismus in der Arbeitswelt nicht als etwas Positives gesehen wird. Inzwischen weiß ich auch genau, warum.

 

Was die Forschung sagt

Die Forschung unterscheidet zwischen zwei Arten von Perfektionismus:

  • selbstorientierter Perfektionismus: Du hast hohe Standards für dich selbst gesetzt und möchtest diese auch einhalten.
  • sozial vorgeschriebener Perfektionismus: Du willst etwas liefern, das nicht von anderen kritisiert werden kann und alle gesellschaftlichen Standards erfüllt.

Kannst du schon raten, welche Art von Perfektionismus förderlich ist und welche dir eher schadet?

Richtig, der sozial vorgeschriebene Perfektionismus ist höchst problematisch. Denn Qualitätsstandards sind oft sehr subjektiv, was heißt, dass wir niemals alle zufriedenstellen können. Du kannst nicht genau wissen, was deine Dozentin in der Hausarbeit gut finden wird. Und du hast keine Kontrolle über ihre Reaktion auf deine Arbeit – vielleicht hat sie einen richtig miesen Tag und bewertet dich nur deshalb schlechter.

 

Sozialer Perfektionismus ist ein Rezept für Prokrastination

Genau deshalb zeigen Studien, dass sozial vorgeschriebener Perfektionismus viele negative Folgen haben kann, z. B. Versagensangst und Prokrastination, Burnout, Depression und Angststörungen.

Wer den Anspruch hat, Perfektes zu leisten, fühlt sich schnell überfordert. Man hat Angst, zu versagen. Kritik und Fehler möchte man tunlichst vermeiden. Vor lauter Druck fängt man gar nicht erst an – deshalb korreliert Perfektionismus so stark mit Prokrastination.

Oder wir trauen uns, mit der Aufgabe anzufangen, können dann aber nicht aufhören. Anstatt die Aufgabe irgendwann abzulegen, feilen wir z. B. bei der Hausarbeit stundenlang noch an einer Formulierung herum. Währenddessen zerbröckelt unser ganzes Zeitmanagement, die eigentlich wichtigen Aufgaben bleiben liegen.

Und falls wir die Aufgabe irgendwann endlich fertiggestellt haben, machen wir uns im Nachhinein Sorge, dass unsere Leistung nicht gut genug war. Anstatt stolz auf uns zu sein, sehen wir nur das Negative, das, was wir hätten besser machen können.

 

Die Alternative: Der selbstorientierte Perfektionismus

Na, sei mal ehrlich – tendierst du auch manchmal zum sozial vorgeschriebenen Perfektionismus? Ich gebe zu, dass ich auch dazu neige. Und ich weiß, wie viel mich das unter dem Strich kostet.

Was also können wir armen Perfektionisten tun? Die Lösung könnte lauten: selbstorientierten Perfektionismus praktizieren. Wir lenken unseren Fokus auf uns selbst, nicht auf die anderen. Wir setzen uns Ziele, die wir selbst unter Kontrolle haben. Das könnte z. B. so aussehen:

  • Dein sozial vorgeschriebenes Ziel: “Ich möchte eine 1,0 in der Hausarbeit und gutes Feedback von der Dozentin. Wenn ich das schaffe, bin ich zufrieden.”
  • Dein selbstorientiertes Ziel: “Ich möchte ausführlich in der Fachdatenbank recherchieren, in der Rechtschreibung ein bisschen besser werden, indem ich sorgfältig korrekturlese, und zwanzig Stunden lang konzentriert an der Hausarbeit arbeiten. Wenn ich das schaffe, bin ich zufrieden.”

Wenn wir wissen, dass wir unser Bestes gegeben haben, um die Ziele zu erreichen, gönnen wir uns am besten ein bisschen Lob und Stolz. Sollte einmal etwas schiefgehen und wir bekommen Kritik von außen, lernen wir einfach daraus und nehmen es nicht zu persönlich.

Die Forschung zeigt, dass ein solcher selbstorientierter Perfektionismus sogar gegen Prokrastination helfen kann. Also los – lenke deinen Fokus auf deine Ziele und deine Standards und fang an, für dich zu lernen!

 

Was wir konkret tun können, um entspannter und effizienter zu arbeiten

Wie genau können wir den Fokus unseres Perfektionismus im Alltag steuern? Hier sind einige Vorschläge:

  • Sprich mit Freund*innen darüber und erinnert euch gegenseitig daran, die eigenen Ziel zu verfolgen
  • Führe ein Tagebuch, in dem du deine Erwartungen an dich selbst notierst und dich daran erinnerst, selbstorientierte Ziele zu verfolgen
  • Hänge dir irgendwo eine Postkarte, ein Comic oder ein Bild auf, das dich daran erinnert, deinen eigenen Standards zu genügen (nicht denen der anderen)

Mit der Zeit kannst du deinen Perfektionismus von einem Feind in einen Freund unwandeln. So wirst du weniger prokrastinieren und mehr Freude am Lernen spüren. Das klappt vielleicht nicht von heute auf morgen – aber bleibe dran und früher oder später wird es dir gelingen.

Hast du Feedback zum Artikel? Wie sind deine Erfahrungen mit dem Perfektionismus? Schreibe mir gerne auf Instagram!

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