Warum ich jeden Tag freiwillig mit Karteikarten lerne – und du das auch tun solltest

Nach meiner letzten Klausur im Masterstudium habe ich meine Karteikarten mit einem großen Lächeln auf dem Gesicht zerrissen.

Nie. Wieder. Auswendiglernen.

Yay!

Fast forward zu heute, drei Jahre später: Und ich lerne jeden Tag zehn Minuten auswendig mit Karteikarten. Obwohl ich nicht muss.

Warum das gar nicht verrückt ist, sondern eigentlich eine gute Idee?

Wissen ist das Fundament von Handeln

Wissen – das wir uns mit Auswendiglernen aneignen müssen – steht heute ein bisschen im Verruf. Es gibt doch das Internet, da sei es nicht mehr zeitgemäß, etwas zu lernen, was man schnell googeln kann.

Und es stimmt, dass wir heutzutage weniger auf unser Gedächtnis angewiesen sind als je zuvor.

Aber mach mal ein Gedankenexperiment und stelle dir vor, dass du alles googeln müsstest. Bei der Arbeit am PC wäre das ja schon nervig, aber bei jedem Gespräch – mit Freunden, mit der Chefin, mit Kolleg*innen, mit Kund*innen – würdest du einfach wahnsinnig werden.

Nicht ohne Grund sagen die Lernforscherinnen Yana Weinstein und Megan Sumeracki: “Everything you do requires memory in some form or another.”

Wir müssen Dinge in unserem Gedächtnis speichern, damit wir sie fließend, schnell und effektiv im Alltag nutzen können. Verständnis, Anwendung, kritisches Denken und Kreativität erfordern eine gewisse Wissensbasis.

Wenn du etwas vergisst, bringt es dir nichts

Das klingt jetzt echt blöd, aber wir vergessen es oft: Was wir vergessen, bringt uns nichts.

Du hast ein Youtube-Video geschaut über die Gründe, warum Katzen so lustig sind, aber vergisst die Inhalte? Dann war es vielleicht unterhaltsam, aber du wirst nicht im Nachhinein eine Katze anschauen und ihr Verhalten mit dem Video in Verbindung bringen können.

Du hast dich dazu motiviert, ein Buch über gutes Zeitmanagement zu lesen, probierst 1-2 Strategien aus und vergisst die restlichen Inhalte? Dann wirst du das Buch ja nochmal lesen müssen, wenn du etwas Neues ausprobieren willst.

Du hast eine Vorlesung besucht und die Klausur bestanden, aber alles schnell wieder vergessen? Dann wirst du beim darauf aufbauenden Seminar vieles nochmal lernen müssen.

Natürlich ist das Vergessen nicht schwarz-weiß wie ein Lichtschalter: Man erinnert sich nicht entweder an 100 oder 0 % des Wissens, sondern eher an alle Graustufen dazwischen. Jedes Mal bleibt etwas mehr “hängen”, was meistens heißt, dass du mehr wiedererkennen wirst und Dinge schneller nachschlagen kannst.

Aber warum sollten wir uns mit einem bloßen “Ah, ja, dazu habe ich mal etwas gelernt, ich weiß es aber nicht mehr genau” zufriedengeben, wenn wir mit geringem Zeit- und Energieeinsatz eine solide Wissensbasis aufbauen können?

Es ist ja gar nicht schwer, auswendigzulernen!

Das Geheimrezept für effizientes Auswendiglernen – sprich, viel lernen in wenig Zeit – lautet spaced retrieval practice.

Das ist der Name einer Lernpraxis, die zwei Effekte miteinander verbindet: spaced practice und retrieval practice.

Was glaubst du, was ist spaced practice?

Quizfragen machen Spaß und sind lernförderlich! Darum entscheide zuerst, welche Antwort(en) deiner Meinung nach richtig sind, und klick drauf für eine Auflösung…

Nein, frische Luft schadet bestimmt nicht, aber das ist nicht gemeint.

Nein, auch das schadet vermutlich nicht, aber “space” meint hier etwas anderes.

Richtig! “Space” ist hier zeitlich gemeint. Du solltest auswendig gelernte Dinge dann wiederholen, wenn sie in deinem Gehirn schon ein bisschen verblasst sind. Dadurch wird das Lernen anstrengender, aber du wirst dich besser an das Gelernte erinnern – und dadurch musst du unter dem Strich weniger lernen. Sprich: Lieber in größeren Abständen mit Anstrengung lernen, und dafür weniger Zeit investieren müssen.

Spaced Practice ist nur dann effektiv, wenn man es mit retrieval practice verbindet.

Was glaubst du, was ist retrieval practice?

Quizfragen machen Spaß und sind lernförderlich! Darum entscheide zuerst, welche Antwort(en) deiner Meinung nach richtig sind, und klick drauf für eine Auflösung…

Ich würde dir immer raten, Zeit mit niedlichen Hunden zu verbringen, aber das ist hier nicht gemeint.

Ganz genau, du solltest beim Lernen immer Dinge aus deinem Gedächtnis abrufen (Abruf = retrieval), ohne Hilfsmittel. Sprich, du schreibst alles, was du weißt, auf einm Blatt Papier, oder malst es, oder machst eine Mind Map. Oder du beantwortest Quizfragen. Oder du machst dir Karteikarten und rufst die andere Seite der Karte aus dem Gedächtnis ab (nicht schummeln und vorher umdrehen!).

Falsch! Leider lernen die meisten Studierenden vor allem mit dieser Strategie: Texte oder Notizen werden immer wieder gelesen. Aber das ist sehr, sehr ineffizient. Es fühlt sich gut an, aber eigentlich lernst du sehr wenig dabei.

So, jetzt weißt du also, dass spaced retrieval practice zwei Dinge miteinander verbindet, die das Lernen anstrengender machen, sodass es sich vielleicht nicht so gut anfühlt. Tatsächlich schätzen die meisten Lernenden ihre Fortschritte eher niedrig ein, nachdem sie so gelernt haben – aber das ist eine Unterschätzung, denn bei späteren Tests schneidet man damit viel besser ab, als wenn man in kurzer Zeit einfach die Inhalte immer wiederholt gelesen hat.

Du musst täglich nur ein bisschen Zeit investieren

Darum solltest du es dir angewöhnen, jeden Tag ein bisschen mit Karteikarten auswendigzulernen. Denn somit lernst du in größeren Abständen und rufst das Wissen aus deinem Gedächtnis hervor. Unter dem Strich wirst du so viel mehr und viel leichter lernen, als wenn du kurz vor einer Klausur ein paar Tage lang büffelst.

Gewöhne dir das Lernen also lieber so schnell wie möglich an, denn auch im Berufsleben wirst du Dinge kennenlernen, die du auswendig können willst.

Auswendiglernen ist nicht nur im Studium sinnvoll

Ich glaube, dass es immer sinnvoll ist, gezielt Dinge auswendig zu lernen, die im Alltag nützlich sind. Das Schöne daran ist ja auch, dass du selbst ganz frei entscheiden kannst, was für dich dazugehört! Du kannst ganz individuell entscheiden, was du lernen willst.

Hier sind ein paar Dinge, die ich z. B. in meinen Karteikarten drin habe:

  • Tastatur-Kürzel für Firefox, Word, Citavi und Co.; so kann ich viel schneller am PC arbeiten.
  • Ein bisschen HTML, damit ich meine Website gestalten kann.
  • Motivierende Zitate, die ich richtig schön finde.
  • Alles Interessante, was mir in Podcasts oder Youtube-Videos begegnet: Warum sind Katzen so lustig? Was wäre, wenn wir alle Elektroautos fahren würden?
  • Die wichtigsten Inhalte aus den Büchern, die ich lese – damit ich sie nicht fünf Mal lesen muss.
  • Meine regelmäßige Einkaufsliste.
  • Viele weitere persönliche Dinge, die meine Routinen und Aufgaben betreffen.
  • Und natürlich alles, was beruflich relevant ist – ich bilde mich immer weiter und will das, was ich lerne, auch behalten.

Seit ich das mache, merke ich nicht nur, dass ich nützliche Dinge weiß, sondern auch, dass ich generell neugieriger und wissbegieriger bin. Und ich erlebe seltener dieses Phänomen, wo man mit jemandem über etwas spricht und weiß, dass man eigentlich einen guten Punkt einbringen könnte, den man mal gehört hat… wenn man ihn bloß noch im Detail wüsste (Wie oft wollte ich schon einen guten Witz nacherzählen, den ich aber nicht mehr genau wusste, sodass ich ihn total verhunzt habe!).

Fazit: Mache das Auswendiglernen zu einer Gewohnheit und du wirst (nicht nur) im Studium davon profitieren.

Die Forschung sagt es eindeutig: Man sollte regelmäßig für eine kurze Zeit auswendig lernen, denn das ist effektiv und auch erforderlich, um sich wertvolle Kompetenzen anzueignen. Du kannst es so machen wie ich und jeden Tag zehn Minuten lang mit Quizlet lernen – oder du gestaltest es für dich anders. Denn eine Gewohnheit muss zu dir passen. Hauptsache, du gewöhnst dir das regelmäßige Lernen an und genießt die Vorteile einer guten Wissensbasis!

Kannst du es dir vorstellen, jeden Tag freiwillig zu lernen, oder machst du es vielleicht schon? Schreibe mir gerne auf Instagram! Ich freu mich immer darüber, von dir zu hören. 🙂

Du willst keine Posts mehr verpassen? Trage dich für den Newsletter ein! Dort kriegst du auch das kostenlose Worksheet “Bye Bye, Prokrastination”, das dich darin unterstützt, weniger zu prokrastinieren.

Mehr Tipps findest du auf Instagram!

Zur Autorin

Hi, ich bin Nina. Ich bin in den USA und Kanada aufgewachsen und habe erst mit 11 Jahren deutsch gelernt; dass ich das geschafft habe, zeigte mir, dass man alles lernen kann – wenn man weiß, wie man lernt. Deshalb habe ich Bildungswissenschaft studiert und berate heute Studierende darüber, wie sie erfolgreich & glücklich durch das Studium kommen.

Quellen

Rawson, K. A., Dunlosky, J., & Sciartelli, S. M. (2013). The power of successive relearning: Improving performance on course exams and long-term retention. Educational Psychology Review, 25(4), 523-548. DOI: 10.1007/s10648-013-9240-4.

Die Links zu Tools und Produkten sind keine Affiliate-Links – für so einen Quatsch habe ich keine Zeit oder Lust. 😉

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Loading